Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar: Joachim Gauck
Ein politischer Präsident
ALEXANDRA JACOBSON, BERLIN
Geschrieben am 01-06-2012 |
Bielefeld (ots) - Die Erwartungen an den elften Bundespräsidenten
Joachim Gauck waren hoch. Noch ist seine Präsidentschaft jung und der
72-jährige ostdeutsche Pastor nicht einmal 100 Tage im Amt. Doch es
lässt sich guten Gewissens sagen, dass er die Erwartungen bisher
erfüllt hat. Gauck hat dem Amt Würde und Autorität zurückgegeben. Man
hört wieder mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu, was uns der
Bundespräsident zu sagen hat. Aber Gauck ist nicht nur authentisch
und ein geübter Mann des Wortes, er ist auch ein politischer
Präsident. Nirgendwo zeigte sich das besser als auf seiner
Nahostreise. Er hat den Respekt sowohl der Israelis als auch der
Palästinenser gewonnen und durchweg den richtigen Ton getroffen.
Natürlich hat er auch die israelische Siedlungspolitik in den
besetzten Palästinensergebieten kritisiert, und das absolut zu Recht.
Aber er hat seine Kritik aus einem ehrlichen Geist der Freundschaft
heraus entwickelt, ohne Schaum vorm Mund und ohne die Maßlosigkeit,
die sich andere angebliche Israelfreunde hin und wieder leisten.
Deutschland wird Israel immer in besonderer Weise verbunden bleiben,
schon weil die Existenz des jüdischen Staates, aber auch seine
Politik und seine Ängste von der geschichtlichen Erfahrung des
Holocausts nicht zu trennen sind. Joachim Gauck weiß das und hat das
in einfühlsamer Art zum Ausdruck gebracht. Insgesamt ist Gauck ein
Staatsoberhaupt, das sich ungerne Gedanken oder Formulierungen von
anderen borgt. Er denkt selber und spricht häufig frei. Seine
Unabhängigkeit führt manchmal zu verbalen Zusammenstößen. So hat er
sich von einer Äußerung Angela Merkels distanziert, das Existenzrecht
Israels sei Teil der deutschen Staatsräson. Inhaltlich liegt Gauck
hier zwar ganz nahe bei der Kanzlerin, aber er wählte lieber die
eigene Formulierung: Das Existenzrecht sei "bestimmend" für die
deutsche Politik. Und in einem Interview mit der Zeit hat Gauck
seinen Vorgänger Christian Wulff kritisiert: Er selbst hätte den
Wulff'schen Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" so nicht gesagt,
sondern lieber die Wendung gewählt, dass die Muslime, die hier leben,
zu Deutschland gehören. Es erstaunt, dass ein Bundespräsident die
Bundeskanzlerin korrigiert und auch seinen Vorgänger im Nachhinein
richtigstellen will. Ehrlich gesagt wären beide Einwürfe nicht
unbedingt nötig gewesen. Dass die hier lebenden Muslime zu
Deutschland gehören, stimmt zweifellos. Dass der Islam aber nicht
dazugehören soll, führt zu einer verqueren, überflüssigen Debatte.
Auch ragt dieser Wulff'sche Satz als einzige politische
Hinterlassenschaft aus einer ansonsten eher verkorksten
Präsidentschaft heraus. Hier deutet sich an, dass Joachim Gauck auf
einen Hang zur Besserwisserei aufpassen muss. Allerdings bezeichnet
sich Gauck selbst noch als Lernenden, und Anfängerfehler sind noch
jedem Bundespräsidenten passiert. Insgesamt ändert diese Beobachtung
nichts an dem positiven Gesamtbild. Joachim Gauck ist als
Bundespräsident ein Glücksfall.
Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
Telefon: 0521 555 271
nachrichten@neue-westfaelische.de
Kontaktinformationen:
Leider liegen uns zu diesem Artikel keine separaten Kontaktinformationen gespeichert vor.
Am Ende der Pressemitteilung finden Sie meist die Kontaktdaten des Verfassers.
Neu! Bewerten Sie unsere Artikel in der rechten Navigationsleiste und finden
Sie außerdem den meist aufgerufenen Artikel in dieser Rubrik.
Sie suche nach weiteren Pressenachrichten?
Mehr zu diesem Thema finden Sie auf folgender Übersichtsseite. Desweiteren finden Sie dort auch Nachrichten aus anderen Genres.
http://www.bankkaufmann.com/topics.html
Weitere Informationen erhalten Sie per E-Mail unter der Adresse: info@bankkaufmann.com.
@-symbol Internet Media UG (haftungsbeschränkt)
Schulstr. 18
D-91245 Simmelsdorf
E-Mail: media(at)at-symbol.de
399140
weitere Artikel:
- Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar: Schlecker wird endgültig abgewickelt
Strohfeuer mit Langzeitwirkung
UWE POLLMEIER Bielefeld (ots) - Die Geschichte von Schlecker erinnert an das
Grimmsche Märchen "Die drei Schweinchen": Ein Schweinchen baut ein
Haus aus Stroh, ein anderes ein Eigenheim aus Stein. Als der Wolf
kommt, pustet er die Strohhüte weg und frisst das Schwein auf. Am
solide aufgebauten Steinhaus beißt er sich hingegen die Zähne aus.
Anton Schlecker gehört unternehmerisch gesehen zur Strohfraktion. Er
verzichtete auf das stabile Fundament und eröffnete vor 37 Jahren die
erste Filiale seiner zukünftigen Drogerie-Kette als wackeligen
Strohbau, mehr...
- RNZ: "Kuschelkurs" - Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg) zu Fußball/Innenminister Heidelberg (ots) - Von Sören Sgries
Alkoholverbot in Bus und Bahn, schärfere Einlasskontrollen, die
Abschaffung von Stehplätzen - es ist eine ganze Reihe harter
Maßnahmen, welche die Innenminister derzeit erwägen, um der Gewalt in
und um die Fußballstadien Herr zu werden. Dass der Abschied vom
"Kuschelkurs" verkündet wird, ist dabei erst einmal keine
Überraschung. Schon die öffentliche Aufmerksamkeit, die nach den
Fan-Krawallen auf dem Thema ruht, verbietet ein einfaches "Weiter
so". Doch nur weil aufgeregte Schlagzeilen die mehr...
- Rheinische Post: Serbien zündelt Düsseldorf (ots) - Erneut sind zwei deutsche Soldaten bei der
Räumung einer Barrikade im Kosovo durch Schüsse verletzt worden - das
kleine Land auf dem Balkan macht Europa seit Monaten wieder große
Probleme. Die serbische Minderheit im Norden will sich von der
albanischen Mehrheit abspalten und liefert sich blutige
Straßenschlachten mit der von Deutschland geführten Schutztruppe
KFOR. Streitpunkte sind unter anderem Zollfragen und scheinbare
Kleinigkeiten wie die Einführung einheitlicher Autokennzeichen, die
Belgrad durch das Austeilen mehr...
- DER STANDARD - Kommentar: "Es lebe der Proporz" von Alexandra
Föderl-Schmid SPÖ und ÖVP streiten um Posten und damit um die Absicherung
ihrer Pfründe. (Ausgabe vom 2.6.2012)
Wien (ots) - Die nächste Nationalratswahl ist für Politiker näher,
als es die Bürger wahrnehmen. Eineinhalb Jahre vor der
Nationalratswahl streiten SPÖ und ÖVP um Posten. Vordergründig geht
es um Besetzungen von der Nationalbank über die Asfinag und die
Volksbanken AG bis zum Verfassungsgerichtshof. Tatsächlich wird um
die Sicherung von Pfründen gekämpft - über die Zeit nach dem
angepeilten Wahltermin 2013 hinaus. Das heißt: die Verfestigung mehr...
- WAZ: Gauck enttäuscht deutsche Muslime Essen (ots) - Mit Unverständnis und Enttäuschung reagieren
deutsche Muslime auf die Aussage des Bundespräsidenten Joachim Gauck,
nicht der Islam, nur die Muslime gehörten zu Deutschland. "Das ist
Wortklauberei", sagte Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und
Vorsitzende des Liberal-islamischen Bundes der WAZ-Mediengruppe. Sie
werde das Gefühl nicht los, dass hier eine "Scheindebatte" geführt
werde, bei der es um Populismus und Stimmenfang geht. "Schon wieder
wird auf Kosten des Islams Meinungsmache betrieben." Aiman Mazyek,
Vorsitzender mehr...
|
|
|
Mehr zu dem Thema Aktuelle Politiknachrichten
Der meistgelesene Artikel zu dem Thema:
LVZ: Leipziger Volkszeitung zur BND-Affäre
durchschnittliche Punktzahl: 0 Stimmen: 0
|