Badische Zeitung: Russland und sein koloniales Erbe / Kaukasischer Teufelskreis
Leitartikel von Elke Windisch
Geschrieben am 02-01-2014 |
Freiburg (ots) - Wolgograd trauert um die Opfer des
Doppelanschlags zu Wochenbeginn. Deren Angehörige mussten die
Neujahrsbotschaft ihres Präsidenten als Hohn empfinden. Zwar hatte
Wladimir Putin ihnen sein aufrichtiges Beileid übermittelt.
Gleichzeitig aber hatte er behauptet, Russland sei im vergangenen
Jahr erneut etwas reicher und etwas komfortabler geworden.
Komfortabler? Das bedeutet auch Sicherheit. Gefahr für Leib und Leben
der Russen besteht jedoch nach wie vor. Die Terroranschläge machten
es nochmal deutlich, auch wenn die Urheber noch unbekannt sind.
Deutlich machten die Anschläge aber auch die Hilflosigkeit der
Macht, die offenbar der eigenen Propaganda aufgesessen war, wonach
der Terrorismus längst besiegt sei. Tatsächlich wiesen Statistiken
in jüngster Zeit deutlich weniger Terrorakte auf. Doch das könnte
auch damit zusammenhängen, dass die Untergrundkämpfer im Nordkaukasus
nach den zwei Tschetschenienkriegen, mit denen Moskau die abtrünnige
Rebellenrepublik der Zentralregierung unterwarf, geschwächt waren.
Inzwischen aber sind die damals in Tschetschenien geborenen Kinder
Jugendliche und in einem Alter, das in der Region als waffenfähig
gilt. Meist sind sie hoch motiviert in ihrem Hass auf Russland, haben
Verwandte verloren und sind mit den Erzählungen über die Gräueltaten
der russischen Soldateska groß geworden. Opfer haben aber auch die
Russen zu beklagen, womöglich so viele wie im Afghanistan-Krieg der
Sowjetunion, in dem 14000 Soldaten starben. Und viele heimgekehrte
Soldaten sind psychisch fürs Leben geschädigt, neigen zu Gewalt und
Hass gegenüber "den Anderen" - den Kaukasiern, die Bürger der
Russischen Föderation sind wie sie. Ein normales Verhältnis
zueinander können Russen und Kaukasier nur dann finden, wenn Putin
und seine Regierung sich zu einer kritischen Aufarbeitung der
gemeinsamen Geschichte aufraffen und beide Seiten dazu bringen, die
Verherrlichung von Gewalt durch Trauerarbeit und gegenseitige
Toleranz zu ersetzen. Zu einer kritischen Aufarbeitung der
Vergangenheit müsste auch ein Bruch mit der unseligen
Teile-und-herrsche-Politik gehören, die schon immer ein Markenzeichen
von Zaren und kommunistischen Diktatoren wie Stalin war. Sie ist auch
die Erbsünde der Russischen Föderation, die nur nominell ein
Bundesstaat ist, de facto aber ein zentralistischer Staat mit sehr
begrenzter Autonomie für ethnische und religiöse Minderheiten. Die
Olympischen Spiele in Sotschi im Nordwestkaukasus wären für den
Kreml eine gute Gelegenheit zu Korrekturen ohne Gesichtsverlust
gewesen. Man hätte den Tscherkessen - den traditionellen Bewohnern
der Region - bei der Eröffnungsfeier eine ähnlich prominente Rolle
überlassen können wie indianischen Stämmen bei den Spielen im
kanadischen Vancouver vier Jahre zuvor. Es wäre kein Zeichen von
Schwäche sondern Stärke gewesen. Auch andere - Tschetschenen,
Inguschen und die Völker Dagestans - haben zu Moskau ein ähnlich
schwieriges Verhältnis wie die Tscherkessen. Weil es im Nordkaukasus
wie überall in der Russischen Föderation um die Demokratie nicht gut
bestellt ist, fehlen Instrumente für zivilisiertes
Konfliktmanagement. Auch das verschafft radikalen Islamisten und
Nationalisten Zulauf. Dazu kommen soziale Probleme. Der Kreml pumpt
zwar seit Jahren Milliarden in die strukturschwache Region. Doch das
meiste stecken sich Putins treulose Statthalter in die eigene Tasche:
als Gegenleistung für Loyalität und Stabilität auf sehr niedrigem
Niveau. Noch ist Zeit, das Steuer herumzureißen. Mit den Kaukasiern
auf gleicher Augenhöhe zu verhandeln und sie nicht als Vasallen,
sondern als Sicherheitspartner beim Schutz der sensiblen Südflanke
wahrzunehmen - das wäre die beste Lösung für Russland, für den
Kaukasus und für Europa.
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